Die Sehnsucht nach dem Frühling ist so alt wie die Menschheit. Wann endlich erwacht die Natur, bahnen sich grüne Blattspitzen ihren Weg durch den gefrorenen Boden, zeigen sich an den Zweigen erste Knospen? Text und Melodie unseres Liedes stammen aus dem 15. Jahrhundert, zusammengefügt wurden sie kurz nach 1900 in der Jugendbewegung.
VON WOLFGANG LEYN
Abgedruckt ist das Lied in vielen deutschen und österreichischen Schulliederbüchern. Wandervögel und Chöre singen es, Kunstliedsänger und Folkbands. Die Sängerin und Folkgeigerin Gudrun Walther von Deitsch hat es Ende 2023 gemeinsam mit dem englischen Akkordeonisten Andy Cutting auf der preisgekrönten CD „Conversations“ eingespielt. Weshalb wählte sie es dafür aus?
Ich liebe dieses schlichte und wunderschöne Lied. Es fängt für mich in wenigen Zeilen den jahrhundertealten „Blues“ der Menschen in der kalten Jahreszeit ein. Auch heute wissen wir genau, wovon der Text spricht und fühlen mit. Wie viel schlimmer muss aber der Winter in der Zeit vor der Erfindung von Zentralheizung und elektrischem Licht für die Menschen gewesen sein!
Ich liebe diese Lied-Brücken zwischen der Lebensrealität unserer Vorfahren und unserer eigenen, wenn man merkt: Wir sind überhaupt nicht anders – auch heute sehnt sich der Mensch nach Licht und wärmenden Sonnenstrahlen, nach etwas frischem Grün und Vogelgezwitscher – und es geht uns das Herz auf, wenn es wieder so weit ist! Gelernt habe ich das Lied übrigens, wie so viele, von meiner Mutter.
Gudrun Walther

NOTEN

TEXT
Nach grüner Farb' mein Herz verlangt,
in dieser trüben Zeit,
Der grimmig Winter währt so lang,
der Weg ist mir verschneit.
Die süßen Vöglein jung und alt,
die hört man lang nit meh'.
Das tut des argen Winters G'walt,
der treibt die Vöglein aus dem Wald
mit Reif und kaltem Schnee.
Er macht die bunten Blümlein fahl
im Wald und auf der Heid.
Dem Laub und Gras allüberall
dem hat er widerseit.
All Freud und Lust wird jetzo feil,
die uns der Sommer bringt.
Gott geb dem Sommer Glück und Heil
der zieht nach Mittentag am Seil
dass er den Winter zwingt.
widerseit = widersagt, den Kampf angesagt
Mittentag = Wintersonnenwende, Mittwinter
HÖRBEISPIELE
Gudrun Walther (v, voc) und Andy Cutting (acc), 2023
https://www.youtube.com/watch?v=hgBUgaFdkZg
Kammerchor Piekfeine Töne (Berlin-Lichtenberg), 2020
https://www.youtube.com/watch?v=fxPC_mEDwLg
Peter Schreier (voc), Konrad Ragossnig (g), 1988
https://www.youtube.com/watch?v=xvonhDRdTY4
Gruppe Horch (Halle), 1987
https://www.youtube.com/watch?v=wbZoIRHhblg
WIRBELEY live im Staatsschauspiel Dresden, 2016
https://www.youtube.com/watch?v=h0Y-PetqvIo
Geranium (Mulhouse, Elsass), 1976
https://www.youtube.com/watch?v=mYRKC8QaBYE
Duo Elvenhain (Frankfurt/Main), 2019
https://www.youtube.com/watch?v=R_6B-7pQakQ
Lautten Compagney (Berlin), 2023
https://www.youtube.com/watch?v=h4-8J0M2N6k
Ferdl Tant, (Stoitzendorf, Niederösterreich), 2021
https://www.youtube.com/watch?v=nnvQEz8bFhQ
Jazz 'n' Spirit, instrumental, 2022
https://www.youtube.com/watch?v=Gn7ZSrD2dFM
LIEDGESCHICHTE
Ganz ähnlich ging der Lehrer und Chorleiter Max Pohl (1869-1928) beim Lied „Wie schön blüht uns der Maien“ vor. Auch hier fügte er Text und Musik aus der Überlieferung zusammen und bearbeitete sie. Den Schülern des Gymnasiums in Berlin-Steglitz Pennälern brachte er die weltlichen Lieder des 13. bis 19. Jahrhunderts nahe, die sie dann auf ihren Wanderfahrten sangen. Einer von Pohls Schülern war Hans Breuer, der geistige Kopf des Wandervogels und Herausgeber des Liederbuchs „Zupfgeigenhansl“, das ab 1909 nicht nur zum „Gebetbuch einer Generation“ avancierte, sondern in den Jahrzenten danach ein Millionenpublikum erreichte.